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September 2022

„Die konnten früher einfach bauen. Die wußten, wie man einen Platz inszeniert“, schreibt Horst Krüger in seinen Reise-Essays „Tiefer deutscher Traum“ (Hoffmann und Campe 1983) über die Erfurter Dom- und St. Severi-Kulisse mit ihrer gewaltigen Freitreppe und klagt mit Blick auf die Gegenwart: „Wir wissen nichts mehr davon, dass die Welt eine Bühne ist und dass wir Menschen die Spieler darauf sind.“ Foto: G. Seeberg-Elverfeldt

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„Da saßen wir auf der großen Treppe vor dem Dom, und sprachen von Ribbeckenau, wie weit es sey, und wie bald und wie oft ich ihn dort besuchen könnte? Und von der Verschiedenheit der Rettiche, die in Erfurt vorzüglich sind, und eine von Hartknopfs Lieblingsspeisen waren, wobei er gewissermaßen mit Leib und Seele genoß, wenn er die geheimnißvollen Salzkörner, auf die runden Scheiben streute, und dann auf seiner Zunge das innere Wesen dieser edlen Bestandtheile in ihrer feinsten Auflösung schmeckte.“


Karl Philipp Moritz, „Andreas Hartknopf“ (1786/1790)
„Mein Abschied von Hartknopf, als er aus Erfurt gieng“

„… eine mächtige Freitreppe führt von hier die Höhe des Marienbergs zum Dom empor. Der Platz ist wohl der größte Deutschlands – ich wenigstens kenne keinen größeren -, und des darf sich der Beschauer freuen; so ist ihm die richtige Perspektive für eines der herrlichsten Architekturbilder gegönnt, die wir in Deutschland haben, und das will gottlob was sagen. Als ein majestätisches Bauwerk wirkt der Dom, von wo immer gesehen … dieser Dom gehört zu dem Edelsten und Feinsten, was die Gotik auf deutschem Boden geschaffen hat.“
 

Karl Emil Franzos, „Aus Anhalt und Thüringen“ (1903)
Kapitel „Erfurt“

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Noch kurz vor dem Ende des Zweiten Weltkrieges holte ihn amerikanischer Artilleriebeschuss von seinem buchstäblich „hohen Ross“ herunter, den 1897 am Deutschen Eck in Koblenz zu gigantischen Denkmalsehren gekommenen Kaiser Wilhelm I. Erst 1993 konnte er nach vielen Auseinandersetzungen sein Ross auf dem Denkmalsockel erneut besteigen. Koblenz-Touristen aus aller Welt wissen es fotografisch zu schätzen. Vermutlich wird auch die Literaturgeschichte künftiger Generationen dem wieder ins „Wächteramt“ über Rhein und Mosel gesetzten Kaiser immer wieder einmal ihre Aufmerksamkeit schenken, so wie es der Moselreisende Kurt Tucholsky 1930 tat. Foto: Markus Königshoven

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 „Wir spazierten also am Rhein entlang … Wir gingen auf der breiten, baumbestandenen Allee; vorn an der Ecke war eine Fotografenbude, sie hatten Bilder ausgestelt, dann standen da keine Bäume mehr, ein freier Platz, ich sah hoch … und fiel beinah um.
 

Da stand – Tschingbumm! – ein riesiges Denkmal Kaiser Wilhelms des Ersten: ein Faustschlag aus Stein. Zunächst blieb einem der Atem weg. Sah man näher hin, so entdeckte man, dass es ein herrliches, ein wilhelminisches, ein künstlerisches Kunstwerk war. … Zunächst ist an diesem Monstrum kein leerer Fleck zu entdecken. Es hat die Ornamenten-Masern.

Oben jener, auf einem Pferd, was: Pferd! auf einem Roß, was: Roß! auf einem riesigen Gefechtshengst wie aus einer Wagneroper, hoihotoho! Der alte Herr sitzt da und tut etwas, was er all seine Lebtage nicht getan hat: er dräut in die Lande, das Pferd dräut auch, und wenn ich mich recht erinnere, wallt irgendeine Frauensperson um ihn herum und beut ihm etwas dar. Aber da kann mich meine Erinnerung täuschen … vielleicht gibt sie dem Riesen-Pferdchen nur ein Zuckerchen. Und Ornamente und sich bäumende Reptile und gewürgte Schlangen und Adler und Wappen und Schnörkel und erbrochene Lilien und was weiß ich … es war ganz großartig. Ich schwieg erschüttert.“ (Kurt Tucholsky, Denkmal am Deutschen Eck, „Die Weltbühne“, Januar 1930)

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Seit Jahrhunderten steht die Wurmlinger Kapelle auf dem hohen Bergrücken zwischen Rottenburg und Tübingen. Die Romantik entdeckte den idyllischen Kapellenberg neu und machte ihn zu einem Anziehungspunkt für die in ganz Deutschland entstehende Wanderbewegung. So kam auch der junge Ludwig Uhland nach Wurmlingen und war tief beeindruckt von dem Bild, das sich ihm bot. Die so schlichte wie ergreifende Sprache seines Gedichts „Droben stehet die Kapelle“ hat den Namen des kleinen Ortes Wurmlingen in alle Welt getragen. Es gab eine Zeit, in der kein deutsches Lesebuch ohne den schwäbischen Klassiker auskam. Foto: Copyright Marlies Wagner

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Droben stehet die Kapelle,
Schauet still ins Tal hinab,
Drunten singt bei Wies‘ und Quelle
Froh und hell der Hirtenknab‘.

Traurig tönt das Glöcklein nieder,
Schauerlich der Leichenchor;
Stille sind die frohen Lieder,
Und der Knabe lauscht empor.

Droben bringt man sie zu Grabe,
Die sich freuten in dem Tal.
Hirtenknabe, Hirtenknabe!
Dir auch singt man dort einmal.

Ludwig Uhland, 1805

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Die ersten dreizehn Jahre seines Lebens verbrachte Friedrich von Hardenberg (1772–1801), besser bekannt als Novalis, im elterlichen Schloss in Oberwiederstedt, wo er am 2. Mai zur Welt gekommen war (heute Novalis-Museum, Forschungsstätte der Frühromantik und Sitz der Internationalen Novalis-Gesellschaft). Das Traumbild der Blauen Blume, bis heute symbolischer Leitbegriff der Epoche der Romantik, hat vermutlich in der von Novalis‘ Vater gepflegten Parklandschaft des Schlosses seine ersten Ursprünge und dürfte von hier aus auch in den Roman „Heinrich von Ofterdingen“ eingeflossen sein. Foto: Dr. Gunhild Schöler 

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Die Eltern lagen schon und schliefen, die Wanduhr schlug ihren einförmigen Takt, vor den klappernden Fenstern sauste der Wind; abwechselnd wurde die Stube hell von dem Schimmer des Mondes.
Der Jüngling lag unruhig auf seinem Lager, und gedachte des Fremden und seiner Erzählungen. Nicht die Schätze sind es, die ein so unaussprechliches Verlangen in mir geweckt haben, sagte er zu sich selbst; fern ab liegt mir alle Habsucht: aber die blaue Blume sehn‘ ich mich zu erblicken. Sie liegt mir unaufhörlich im Sinn, und ich kann nichts anders dichten und denken. So ist mir noch nie zu Muthe gewesen: es ist, als hätt‘ ich vorhin geträumt, oder ich wäre in eine andere Welt hinübergeschlummert … Es ist mir oft so entzückend wohl, und nur dann, wenn ich die Blume nicht recht gegenwärtig habe, befällt mich so ein tiefes, inniges Treiben: das kann und wird keiner verstehn. 
(Novalis, Heinrich von Ofterdingen, Erster Teil, Erstes Kapitel, Die Erwartung)

Die Gewächse sind so die unmittelbarste Sprache des Bodens; Jedes neue Blatt, jede sonderbare Blume ist irgend ein Geheimniß, was sich hervordrängt und das, weil es sich vor Liebe und Lust nicht bewegen und nicht zu Worten kommen kann, eine stumme, ruhige Pflanze wird. Findet man in der Einsamkeit eine solche Blume, ist es da nicht, als wäre alles umher verklärt und hielten sich die kleinen befiederten Töne am liebsten in ihrer Nähe auf? Man möchte für Freuden weinen, und abgesondert von der Welt nur seine Hände und Füße in die Erde stecken, um Wurzeln zu treiben und nie diese glückliche Nachbarschaft zu verlassen. Über die ganze trockne Welt ist dieser grüne, geheimnißvolle Teppich der Liebe gezogen. Mit jedem Frühjahr wird er erneuert und seine seltsame Schrift ist nur dem Geliebten lesbar wie der Blumenstraus des Orients.
(Novalis, Heinrich von Ofterdingen, Zweiter Teil, Die Vollendung)

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Die beschauliche Rheinromantik in Andernach bei Koblenz lässt kaum erahnen, dass hier am 16.08.1920 der als „Dirty Old Man“ in die Literaturgeschichte eingegangene Charles Bukowski geboren wurde. Umso beachtlicher, dass die Geburtsstadt des unbequemen Autors im August 2021 zusammen mit der Charles-Bukowski-Gesellschaft als weltweit erste Straßenbenennung das „Charles-Bukowski-Ufer“ samt Gedenktafel einweihte. Der in Los Angeles aufgewachsene und beheimatete Schriftsteller pflegte Zeitlebens eine sentimentale Verbundenheit mit seiner deutschen Heimat. Bukowskis Werk wurde in über zwanzig Sprachen übersetzt.

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Wir gingen also aus dem Hotel raus und kauften mengenweise Wein. Wir haben uns auch Regenmäntel besorgt. Es hat die ganze Nacht geregnet. Der Rhein war über die Ufer getreten. Sie nannten das die Jahrhundert-flut. Ich habe schon immer schreckliche Wetterverhältnisse ausgelöst, wo ich auftauchte.  
(Aus: Die Ochsentour, S.25)

Also ja, meine erste Sprache war Deutsch, bevor ich mit drei nach Amerika kam. Dort musste ich mir beizeiten die Sprache und den Dialekt abgewöhnen, weil du in der Schule dafür gehasst wurdest. Irgendwie komisch, dass meine frühen Schreiberfolge ausge-rechnet durch deutsche Übersetzungen meiner Werke kamen. 
(Aus einem Brief vom 22. Mai 1992)

Wie ihr wisst, stamme ich aus Deutschland, und jetzt komme ich hierher zurück, weil ich diese Worte geschrieben habe und Carl Weissner [mein Übersetzer] sie zu euch zurückgebracht hat, oder mich zu euch zurückgebracht hat, an den Ort meiner Herkunft. Für mich ist das ein merkwürdiges Wunder. In gewisser Weise fühlt sich das für mich gut und seltsam an.  
(Kurze Publikumsansprache gegen Ende seiner Lesung in Deutschland am 18. Mai 1978)

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Dass ihre „Karte vom Ufer der Saale“ ein unsterbliches lyrisches Denkmal auslösen würde, hätte sich Caroline Benn (1858-1912), die Frau des Pastors Gustav Benn
(1857-1939), bei ihrem Aufenthalt in Thüringen sicher nicht träumen lassen. Heute gehört das Gedicht Gottfried Benns von 1926 zu den berühmtesten Visitenkarten der an bedeutenden literarischen Zeugnissen keineswegs armen Stadt Jena. Unser Bild zeigt neben dem „Ufer der Saale“ in der Ferne den markanten Jenzig, eines der „Sieben Wunder von Jena“. Foto: Conny Sandvoß

Literaturlandschaften e.V.

  Jena

„Jena vor uns im lieblichen Tale“
schrieb meine Mutter von einer Tour
auf einer Karte vom Ufer der Saale,
sie war in Kösen im Sommer zur Kur;
nun längst vergessen, erloschen die Ahne,
selbst ihre Handschrift, Graphologie,
Jahre des Werdens, Jahre der Wahne,
nur diese Worte vergesse ich nie.

Es war kein berühmtes Bild, keine Klasse,
für lieblich sah man wenig blühn,
schlechtes Papier, keine holzfreie Masse,
auch waren die Berge nicht rebengrün,
doch kam man vom Lande, von kleinen Hütten,
so waren die Täler wohl lieblich und schön,
man brauchte nicht Farbdruck, man brauchte nicht Bütten,
man glaubte, auch andere würden es sehn.

Es war wohl ein Wort von hoher Warte,
ein Ausruf hatte die Hand geführt,
sie bat den Kellner um eine Karte,
so hatte die Landschaft sie berührt,
und doch – wie oben – erlosch die Ahne
und das gilt allen und auch für den,
die – Jahre des Werdens, Jahre der Wahne –
heute die Stadt im Tale sehn.

Gottfried Benn „Jena“ (Sämtliche Gedichte. Klett-Cotta, Stuttgart 2019)

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Literaturlandschaften e.V.

Es ist selten, dass ein Bürgerhaus stadtprägen-de Bauwerke wie mittel-alterliche Kirchen oder Stadttore in den Schatten stellt. Dem durch Thomas Mann weltberühmt ge-wordenen Buddenbrook-haus in der Lübecker Mengstraße fiel diese Aufgabe in weniger als einem Jahrhundert zu. Wer von Lübeck spricht, nennt in der Regel zuerst das Buddenbrookhaus, bevor von Dom, Marien-kirche oder Holstentor die Rede ist. Insofern kommt dem Buddenbrookhaus als „von der Literatur ge-zeugter Realität“ eine ganz ungewöhnliche Rolle zu.

Foto: Buddenbrookhaus.

Auszug „Buddenbrooks“  

Konsul Buddenbrook stand,
die Hände in den Taschen seines hellen Beinkleids vergraben, in seinem Tuchrock ein wenig fröstelnd, ein paar Schritte vor
der Haustür und lauschte den Schritten, die in den menschen-leeren, nassen und matt beleuch-teten Straßen verhallten. Dann wandte er sich und blickte an der grauen Giebelfassade des Hauses empor. Seine Augen verweilten auf dem Spruch, der überm Eingang in altertümlichen Lettern gemeißelt stand: „Dominus providebit.“ Während er den Kopf ein wenig senkte, trat er ein und verschloß sorgfältig die schwerfällig knarrende Haustür. Dann ließ er die Windfangtüre ins Schloß schnappen und schritt langsam über die hallende Diele.

(1. Teil, Kapitel 9; Anm.: Dominus providebit:
„Der Herr wird vorsorgen“)

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Mit einem „passenden Quersack auf dem Rücken“ musste bereits der neunjährige Johann Paul Friedrich Richter aus dem kleinen Dorf Joditz in Oberfranken seine wöchentlichen Besorgungsgänge zu den Großeltern nach Hof antreten. Auf dem 10 km langen Wanderweg an der Saale entlang sah sich der kleine Wanderer an einigen Stellen großen Ängsten ausgesetzt. Seine Schritte beflügelte jedoch besonders die Aussicht auf das Wiedersehen mit der Nachbarstochter Augustine, einem „Bauermädchen mit Blatternarben“, das er in sein Herz geschlossen hatte. Den Weg ins Dorf, den der Stich von 1788 ebenso wie den väterlichen Pfarrgarten zeigt, wird der kleine Botengänger nach der langen Wanderung wohl stets mit besonderer Freude bei der Heimkehr betreten haben. (Foto: Joditz, Aquarell von König, 1788) 

Literaturlandschaften e.V.

Ein unbezahlbares Manuskript
 

Im „Leben des vergnügten Schulmeisterlein Maria Wutz in Auenthal“ (1792) beschreibt der spätere Dichter Jean Paul den „Risikotransport“ des Pfefferkuchens, den er aus der Stadt als Geschenk für Augustine in der Hosentasche mit sich führte. Das Manuskript des „Wutz“ hatte der junge und so gut wie unbekannte Dichter an Karl Philipp Moritz nach Berlin geschickt. Der Verfasser des Romans „Anton Reiser“, Goethes „jüngerer Bruder“ aus den gemeinsamen Tagen in Rom, schrieb nach der Lektüre des Manuskripts begeistert an den ihm unbekannten Verfasser zurück: „Es ist uns unbezahlbar. Wir bitten Sie aber, als ein kleines Zeichen unserer Achtung, hundert Dukaten von uns anzunehmen … Wer Wutz Geschichte verfaßt hat, ist nicht sterblich!“ Für den bis dahin in bitterer Armut lebenden Jean Paul bedeutete die unerwartete Geldsendung ein Geschenk des Himmels. 

Jean Paul im „Wutz“ über den Transport eines Pfefferkuchens auf dem Weg von Hof nach Joditz (Auszug)

Ich halte es für schwer, einer Geliebten einen Pfefferkuchen zu schenken, weil man ihn oft kurz vor der Schenkung selbst verzehrt. Ja wurde die süße Votiv-Tafel nicht alle Viertelstunde aus der Tasche gehoben, um zu sehen, ob sie noch viereckig sei? Dies war eben das Unglück; denn bei diesem Beweis durch Augenschein, den er führte, brach er immer wenige und unbedeutende Mandeln aus dem Kuchen; – dergleichen tat er öfters – darauf machte er sich (statt an die Quadratur des Zirkels) an das Problem, den gevierteten Zirkel wieder rein herzustellen, und biß sauber die vier rechten Winkel ab und machte ein Acht-Eck, ein Sechzehn-Eck – denn ein Zirkel ist ein unendliches Viel-Eck – darauf war nach diesen mathematischen Ausarbeitungen das Viel-Eck vor keinem Mädchen mehr zu produzieren – darauf tat Wutz einen Sprung und sagte: „Ach! ich freß ihn selber“, und heraus war der Seufzer und hinein die geometrische Figur. 

Home Startseite Januar 2022

Es muss ein ganz besonderer Herbst im Leben des bis dahin noch immer eher unstet und flüchtig von Ort zu Ort vagabundierenden Theaterdichters Friedrich Schiller gewesen sein. Nach der Ankunft in Dresden im September 1785 bringt ihn die Familie des wohlhabenden Gastgebers Körner im nahen Loschwitz an der Elbe auf dem eigenen Weinberg im eigenen, bis heute so genannten, Körnerschen Weinberghäuschen unter. Die ganze Familie leistet dem jungen Dichter, der für seine Arbeit an „Don Karlos“ eigentlich nichts als Ruhe braucht, auf jede unterhaltsame Weise Gesellschaft. Selbst bei Abwesenheit der Körnerschen Familie ist an Arbeitsruhe selten zu denken. Dafür sorgt unter anderem eine Gruppe von Waschfrauen, deren geschäftiger Krach jede dichterische Konzentration unmöglich macht. Ihr munteres Waschtrog-Geschwätz treibt ihn sogar einmal zu humorvollen „Protestversen“. Dennoch entstehen hinter den Fenstern des heute in Privatbesitz befindlichen Hauses die großen Dialoge der sogenannten „Eboli-Szenen“ in „Don Karlos“. Der Überlieferung nach vollendet Schiller hier auch das bereits in Leipzig begonnene berühmte Lied „An die Freude“, das, nach einer später eher kritischen Einschätzung durch den Dichter in der Vertonung Beethovens dennoch einen einzigartigen Siegeszug durch die Musikgeschichte antrat. (Foto: Gunhild Schöler)

Literaturlandschaften e.V.

In den obigen Mauern entstanden:

„Don Karlos“, 2. Akt, 8. Auftritt, Auszug

Liebesgeständnis von Prinzessin Eboli und Karlos

 

PRINZESSIN

Längst hätt ich diesen Hof

Verlassen, diese Welt verlassen, hätte

In heilgen Mauren mich begraben; doch

Ein einzig Band ist noch zurück, ein Band,

Das mich an diese Welt allmächtig bindet.

Ach, ein Phantom vielleicht! doch mir so wert!

Ich liebe und bin – nicht geliebt.

 

KARLOS (voll Feuer auf sie zugehend)

Sie sinds!

So wahr ein Gott im Himmel wohnt. Ich schwör es.

Sie sinds, und unaussprechlich.

 

PRINZESSIN

Sie? Sie schwörens?

O, das war meines Engels Stimme! Ja,

Wenn freilich Sie es schwören, Karl, dann glaub ichs,

Dann bin ichs.

 

KARLOS (der sie voll Zärtlichkeit in die Arme schließt)

Süßes, seelenvolles Mädchen!

Anbetungswürdiges Geschöpf! – Ich stehe

Ganz Ohr – ganz Auge – ganz Entzücken – ganz

Bewunderung. – Wer hätte dich gesehn,

Wer unter diesem Himmel dich gesehn,

Und rühmte sich – er habe nie geliebt?

(…)

 

Gleichzeitig vom (nach eigenen Worten) „niedergeschlagenen Trauerspieldichter“ während der Arbeit an „Don Karlos“ entstandene Protestverse, gerichtet an die „Konsistorialrat Körnersche weibliche Waschdeputation“:

 
Dumm ist mein Kopf und schwer wie Blei,
Die Tobaksdose ledig, 
Mein Magen leer – der Himmel sei 
Dem Trauerspiele gnädig …
Schon ruft das schöne Weib Triumpf,  
Schon hör ich – Tod und Hölle! 
Was hör ich? – einen nassen Strumpf 
Geworfen in die Welle. 
Und weg ist Traum und Feerei, 
Prinzessin, Gott befohlen! 
Der Teufel soll die Dichterei 
beim Hemdenwaschen holen.
 
 

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Am 29. November 1777 brach Johann Wolfgang Goethe alias Johann Wilhelm Weber zu einem abenteuerlichen Winterritt auf, der ihn, in Begleitung des Torfhausförsters Christoph Degen, am 10. Dezember auf den höchsten Gipfel des Harzes, den verschneiten Brocken, führte. Briefe, Tagebuchnotizen sowie seine während der Reise entstandenen Verse in freien Rhythmen, die Ode „Harzreise im Winter“, zeugen von seiner Begeisterung, aber auch von seinem vielfältigen Interesse an allem, was ihm begegnete. Es wurde die leidenschaftlichste seiner drei Brockenbesteigungen – Tgb. 10. December 1777: „1 viertel nach 10 aufgebrochen von da (Anm.: Torfhaus) auf den Brocken. Schnee eine Elle tief, der aber trug. 1 viertel nach eins droben. Heitrer herrlicher Augenblick, die ganze Welt in Wolcken und Nebel und oben alles heiter. Was ist der Mensch dass du sein gedenckst.“

Das Bild zeigt den Blick von der Gipfelkuppe des Brockens über die verschneiten Krüppelfichten der natürlichen Baumgrenze ins nördliche Vorland mit dem dunklen Buchenriegel des Huy-Höhenzuges. Foto: Wolff

 

Literaturlandschaften e.V.

„Sie waren fast zwei Stunden unentwegt durch den Schnee gestapft, mal einsinkend, dann wieder über weite Strecken auf der tragenden Harschkruste, und immer prallte die Sonne hernieder. Sie hielten sich auch jetzt nicht auf.
Der letzte Anstieg wurde mühseliger und gefahrvoller. Verborgene Klüfte zwischen Steinen und Wurzeln ließen den Fuß, das Bein, bis zur Hüfte mitunter, wegrutschen, Äste, in die sie haltsuchend griffen, überschütteten sie mit Lasten von Schnee. Nirgends war hier eine Spur, eine Fährte zu sehen, glitzernd dehnte sich die trügerische Decke.
Zur Höhe hin wurde der Baumwuchs immer verkrüppelter, bizarrer, von Wind und Wetter niedergedrückt. Geduckt, sich krümmend, beladen, vermummt, unkenntlich schlichen die Bäume die Kuppe an, die sie doch nicht erreichten, Gnomengestalten, in der Bewegung erstarrt, erfroren.
So weit das Auge reichte, dehnte sich weiß und milchig und eben, mit Wellen und Untiefen und Inseln, ein ungeheures Wolkenmeer, reichend von Horizont zu Horizont, überspannt von unwirklich tief azurnem Himmel.“

Bernd Wolff, „Winterströme – Goethes erste Harzreise“, 
Pforte-Verlag, S. 281 f.

Über grundlose Wege

Auf öden Gefilden;
Mit dem tausendfarbigen Morgen
Lachst du ins Herz ihm;
Mit dem beizenden Sturm
Trägst du ihn hoch empor;
Winterströme stürzen vom Felsen
In seine Psalmen,
Und Altar des lieblichsten Danks
Wird ihm des gefürchteten Gipfels
Schneebehangener Scheitel,
Den mit Geisterreihen
Kränzten ahnende Völker. 

Goethe, „Harzreise im Winter“ (Auszug)

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Literaturlandschaften e.V.

Die Husumer „Wasserreihe“ in der Abendsonne. Rechts im Bild die Hausnummer 31, Wohnhaus des Dichters Theodor Storm von 1866 bis 1880 mit seiner zweiten Frau Dorothea Jensen.
Das Haus in der Altstadtgasse mit seinem vom Dichter ein-gerichteten „Poetenstübchen“ ist Entstehungsort einiger Novellen und Gedichte. Heute Sitz des Theodor-Storm-Zentrums (Storm Museum) und der Geschäfts-stelle der Theodor-Storm-Gesellschaft e.V.  
(Foto: husum-tourismus.de)

Gode Nacht

Över de stillen Straten
Geit klar de Klokkenslag;
God Nacht! Din Hart will slapen,
Un morgen is ok en Dag.

Din Kind liggt in de Weegen,
Un ik bün ok bi di;
Din Sorgen un din Leven
Is allens um un bi.

Noch eenmal lat uns spräken:
Goden Abend, gode Nacht!
De Maand schient op de Däken,
Uns‘ Herrgott hölt de Wacht.

Theodor Storm

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Blick auf Hermann Hesses Geburtsort Calw mit der Stadtkirche im Mittelpunkt. Das mächtige Kirchenschiff ist „in den Berg hineingebaut“, und so befindet sich
der Chor mit dem spitzen Kirchturm erhöht über dem oberen Marktplatz der Stadt. In Hesses Kinder- und Jugendjahren war die Stadtkirche ein ständiger Lebensbegleiter.
In der Erzählung „Kinderseele“ hat Hesse einige Erinnerungen an den markanten Ort im Calwer Stadtbild festgehalten. (Foto: Stadt Calw/Alex Kijak).

 

Literaturlandschaften e.V.

Der Sonntagmorgen war eine gute Sache: Ausschlafen, keine Schule, Aussicht auf ein gutes Mittagessen, kein Geruch nach Lehrer und Tinte, eine Menge freie Zeit. Dies war die Hauptsache. Schwächer nur klangen andere, fremdere, fadere Töne hinein: Kirchgang oder Sonntagsschule, Familienspaziergang, Sorge um die schönen Kleider. Damit wurde der reine, gute, köstliche Geschmack und Duft ein wenig verfälscht und zersetzt …

Beim Frühstück waren wir alle vergnügt. Es wurde mir die Wahl zwischen Kirche und Sonntagschule gelassen. Ich zog, wie immer, die Kirche vor. Dort wurde man wenigstens in Ruhe gelassen und konnte seine Gedanken laufen lassen; auch war der hohe, feierliche Raum mit den bunten Fenstern so schön und ehrwürdig, und wenn man mit eingekniffenen Augen durch das lange dämmernde Schiff gegen die Orgel sah, dann gab es manchmal wundervolle Bilder; die aus dem Finstern ragenden Orgelpfeifen erschienen oft wie eine strahlende Stadt mit hundert Türmen. Auch war es mir oft geglückt, wenn die Kirche nicht voll war, die ganze Stunde ungestört in einem Geschichtenbuch zu lesen.

(Aus: „Kinderseele“, GW 5, Frankfurt am Mai 1970, S. 194 f.)

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Gartenseite mit Veranda des Hauses von Arno und Alice Schmidt in Bargfeld, Kreis Celle. 1958 war das Ehepaar Schmidt von Darmstadt in das abgelegene Dorf
in der Lüneburger Heide (Südheide)  gezogen und hatte das unscheinbare Haus am Dorfrand erworben, heute mit Haus, Garten und Archiv Sitz der Arno-Schmidt-Stiftung
(Foto: Literaturlandschaften e.V., 2014) 

 

Literaturlandschaften e.V.

Arno Schmidt
über den Haustraum eines Schriftstellers
„Freilich, wenn man Geld hätte …… Ich wüßte es jetzt schon richtig anzuwenden : ein winziges Häuschen in der Heide (achttausend höchstens; nicht wie diese Bausparkassen, die mit Zwanzigtausend um sich werfen, als wär’s ein bloßer Silbenfall); im Ställchen eine Isetta; Eintausend erlesene Bücher: einmal in aller Ruhe die ‹Insel Felsenburg› durchgehen können, den ‹Nachsommer›, oder Lessing von A bis Z; zur Nacht ein richtiges Bett zum Drinniederlegen (nicht mehr dieses dürre indianerrote Gestelle von Schlafcouch!); nichts mehr ums liebe Brot schreiben zu brauchen, keine ‹experimentelle Prosa› mehr, keine feinsinnigen ‹Essays›, keine ‹Nachtprogramme›; an Uhren werden nur die lautlosen geduldet, die mit Sand und Sonne, oder höchstens im Korridor eine alte Standuhr, die alle Ewigkeiten, nachdem man vieles und vielfältiges gedacht hat, vor sich hin ‹Mnja› sagen. Den Mond untergehen sehen, über Wieseneinsamkeiten, ganz rot würde das silberne Wesen geworden sein, wenn es einsank in Dunstband und Kiefernborte …”

Aus: Arno Schmidt: Schulausflug. In: Arno Schmidt: Bargfelder Ausgabe, Werkgruppe I, Bd. 4., Zürich 1988, S. 111.

Notiz
über das ins Auge gefasste Objekt in Bargfeld
(Beschreibung auf Grund der Besichtigung vom
2. Oktober 1958)

I. Ort: Bargfeld liegt 20 km NO von Celle (dies Sitz d. zuständigen Behörden) / Einwohnerzahl 350 (~45 Häuser) / Verbindungen: in Eldingen, 3 km S, Bahnstation der Linie Celle Wittingen. – Die Landstraße selbst hört im Ort auf, da weiterhin nur Moor und ödeheide; also keinerlei Durchgangsverkehr; absolute Stille garantiert (und durch 2 Übernachtungen erprobt). / Poststelle beim Gastwirt (dort auch ein öffentlicher Fernsprecher). Ein weiteres Telefon beim Kaufmann. Keine Kirche (!). Schule am andern Ortsende, bei Schlotters; also auch diese Lärmquelle quantité négligeable. / Bei Wahlen 30% SPD=Stimmen. / Kohlenhändler und Wäscherei in Eldingen; kommen ins Dorf.”


Aus: Arno Schmidt: Fragmente. In: Arno Schmidt: Bargfelder Ausgabe, Supplemente, Bd. 1., Frankfurt/Main 2003, S. 337.

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Weimar, Geleitstraße. Das frühere „Hotel Chemnitius“ (heute „Hotel Anna Amalia“). Postkartenzeichnung von Siegfried Kötscher (1886-1954), Weimar 1932.
Quartier der Weimarreisenden Franz Kafka und Max Brod im Juni/Juli 1912.

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Franz Kafka: Tagebuch (Auszüge) „Weimarreise“

Samstag, 29. Juni (1912). Abfahrt nach Weimar fünf Uhr. Langer Weg zum Hotel Chemnitius. Fast den Mut verloren.
Dreiteilige Appartements, die man uns anweist. Max soll in einem Loch mit der Luke schlafen. 

Sonntag, 30. Juni. Vormittag. Schillerhaus. Goethehaus. Repräsentationsräume. Flüchtiger Anblick des Schreib- und Schlafzimmers. Trauriger, an tote Großväter erinnernder Anblick. Dieser seit Goethes Tod fortwährend wachsende Garten. Die sein Arbeitszimmer verdunkelnde Buche.

Montag, 1. Juli. Gartenhaus am Stern. Im Gras davor gezeichnet.

Dienstag, 2. Juli. Goethehaus. Mansarden. Nachmittag Liszthaus.

Mittwoch, 3. Juli. Goethehaus. Großherzogliche Bibliothek am Nachmittag. Borkenhäuschen. Shakespeare-Denkmal.

Donnerstag, 4. Juli. Goethehaus. Max fährt nach Jena zu Diederichs. Ich Fürstengruft. Über Goethes Sarg goldner Lorbeerkranz,
gestiftet von den deutschen Frauen Prags 1882. Alle auf dem Friedhof wiedergefunden. Bad. Nachmittag nicht geschlafen.
Treffe Max angekleidet im Bett. Beide unglücklich. Wenn man das Leid aus dem Fenster schütten könnte.

Freitag, 5. Juli. Gehe ins Hotel, sitze ein Weilchen bei Max, der im Bett liegt. Nachmittag Ausflug nach Belvedere.

Samstag, 6. Juli. Zu Johannes Schlaf. Er ist nicht zu Hause. Wir kommen abends wieder. Vorher Spaziergang mit Paul Ernst im Webicht. Seine Verachtung unserer Zeit, Hauptmanns, Wassermanns, Thomas Manns.

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Wasserburg Hülshoff in Münster-Roxel, Heimat der Dichterin Annette von Droste-Hülshoff, die am 12. Januar 1797 hier geboren wurde.
 Foto: Günter Sandschulte

Literaturlandschaften e.V.

Grüße

Du Vaterhaus mit deinen Türmen,
Vom stillen Weiher eingewiegt,
Wo ich in meines Lebens Stürmen
So oft erlegen und gesiegt, –
Ihr breiten laubgewölbten Hallen,
Die jung und fröhlich mich gesehn,
Wo ewig meine Seufzer wallen
Und meines Fußes Spuren stehn!

Und Grüße, Grüße, Dach, wo nimmer
Die treuste Seele mein vergißt
Und jetzt bei ihres Lämpchens Schimmer
Für mich den Abendsegen liest,
Wo bei des Hahnes erstem Krähen
Sie matt die graue Wimper streicht
Und einmal noch vor Schlafengehen
An mein verlaßnes Lager schleicht!

Annette von Droste-Hülshoff (1797-1849)
Das Gedicht „Grüße“ entstand im September 1844 in Meersburg am Bodensee.