Juli 2022

Seit Jahrhunderten steht die Wurmlinger Kapelle auf dem hohen Bergrücken zwischen Rottenburg und Tübingen. Die Romantik entdeckte den idyllischen Kapellenberg neu und machte ihn zu einem Anziehungspunkt für die in ganz Deutschland entstehende Wanderbewegung. So kam auch der junge Ludwig Uhland nach Wurmlingen und war tief beeindruckt von dem Bild, das sich ihm bot. Die so schlichte wie ergreifende Sprache seines Gedichts „Droben stehet die Kapelle“ hat den Namen des kleinen Ortes Wurmlingen in alle Welt getragen. Es gab eine Zeit, in der kein deutsches Lesebuch ohne den schwäbischen Klassiker auskam. Foto: Copyright Marlies Wagner

Literaturlandschaften e.V.

Droben stehet die Kapelle,
Schauet still ins Tal hinab,
Drunten singt bei Wies‘ und Quelle
Froh und hell der Hirtenknab‘.

Traurig tönt das Glöcklein nieder,
Schauerlich der Leichenchor;
Stille sind die frohen Lieder,
Und der Knabe lauscht empor.

Droben bringt man sie zu Grabe,
Die sich freuten in dem Tal.
Hirtenknabe, Hirtenknabe!
Dir auch singt man dort einmal.

Ludwig Uhland, 1805