Es muss ein ganz besonderer Herbst im Leben des bis dahin noch immer eher unstet und flüchtig von Ort zu Ort vagabundierenden Theaterdichters Friedrich Schiller gewesen sein. Nach der Ankunft in Dresden im September 1785 bringt ihn die Familie des wohlhabenden Gastgebers Körner im nahen Loschwitz an der Elbe auf dem eigenen Weinberg im so genannten Körnerschen Weinberghäuschen unter. Die ganze Familie leistet dem jungen Dichter, der für seine Arbeit an „Don Karlos“ eigentlich nichts als Ruhe braucht, auf jede unterhaltsame Weise Gesellschaft. Selbst bei Abwesenheit der Körnerschen Familie ist an Arbeitsruhe selten zu denken. Dafür sorgt unter anderem eine Gruppe von Waschfrauen, deren geschäftiger Krach jede dichterische Konzentration unmöglich macht. Ihr munteres Waschtrog-Geschwätz treibt ihn sogar einmal zu humorvollen „Protestversen“. Dennoch entstehen hinter den Fenstern der heute als „Schillerhäuschen“ zugänglichen musealen Gedenkstätte die großen Dialoge der sogenannten „Eboli-Szenen“ in „Don Karlos“. Der Überlieferung nach vollendet Schiller hier auch das bereits in Leipzig begonnene berühmte Lied „An die Freude“, das, nach einer später eher kritischen Einschätzung durch den Dichter, in der Vertonung Beethovens dennoch einen einzigartigen Siegeszug durch die Musikgeschichte antritt. (Foto: Gunhild Schöler)

Literaturlandschaften e.V.

In den obigen Mauern entstanden:

„Don Karlos“, 2. Akt, 8. Auftritt, Auszug

Liebesgeständnis von Prinzessin Eboli und Karlos

 

PRINZESSIN

Längst hätt ich diesen Hof

Verlassen, diese Welt verlassen, hätte

In heilgen Mauren mich begraben; doch

Ein einzig Band ist noch zurück, ein Band,

Das mich an diese Welt allmächtig bindet.

Ach, ein Phantom vielleicht! doch mir so wert!

Ich liebe und bin – nicht geliebt.

 

KARLOS (voll Feuer auf sie zugehend)

Sie sinds!

So wahr ein Gott im Himmel wohnt. Ich schwör es.

Sie sinds, und unaussprechlich.

 

PRINZESSIN

Sie? Sie schwörens?

O, das war meines Engels Stimme! Ja,

Wenn freilich Sie es schwören, Karl, dann glaub ichs,

Dann bin ichs.

 

KARLOS (der sie voll Zärtlichkeit in die Arme schließt)

Süßes, seelenvolles Mädchen!

Anbetungswürdiges Geschöpf! – Ich stehe

Ganz Ohr – ganz Auge – ganz Entzücken – ganz

Bewunderung. – Wer hätte dich gesehn,

Wer unter diesem Himmel dich gesehn,

Und rühmte sich – er habe nie geliebt?

(…)

 
Gleichzeitig vom (nach eigenen Worten) 
„niedergeschlagenen Trauerspieldichter“ während der Arbeit an „Don Karlos“ entstandene Protestverse, gerichtet an die
„Konsistorialrat Körnersche weibliche Waschdeputation“:
 
Dumm ist mein Kopf und schwer wie Blei,
Die Tobaksdose ledig, 
Mein Magen leer – der Himmel sei 
Dem Trauerspiele gnädig …
Schon ruft das schöne Weib Triumpf,  
Schon hör ich – Tod und Hölle! 
Was hör ich? – einen nassen Strumpf 
Geworfen in die Welle. 
Und weg ist Traum und Feerei, 
Prinzessin, Gott befohlen! 
Der Teufel soll die Dichterei 
beim Hemdenwaschen holen.