Weimar, Geleitstraße. Das frühere „Hotel Chemnitius“ (heute „Hotel Anna Amalia“). Postkartenzeichnung von Siegfried Kötscher (1886-1954), Weimar 1932.
Quartier der Weimarreisenden Franz Kafka und Max Brod im Juni/Juli 1912.

Literaturlandschaften e.V.

Franz Kafka: Tagebuch (Auszüge) „Weimarreise“

Samstag, 29. Juni (1912). Abfahrt nach Weimar fünf Uhr. Langer Weg zum Hotel Chemnitius. Fast den Mut verloren.
Dreiteilige Appartements, die man uns anweist. Max soll in einem Loch mit der Luke schlafen. 

Sonntag, 30. Juni. Vormittag. Schillerhaus. Goethehaus. Repräsentationsräume. Flüchtiger Anblick des Schreib- und Schlafzimmers.
Trauriger, an tote Großväter erinnernder Anblick. Dieser seit Goethes Tod fortwährend wachsende Garten. Die sein Arbeitszimmer
verdunkelnde Buche.

Montag, 1. Juli. Gartenhaus am Stern. Im Gras davor gezeichnet.

Dienstag, 2. Juli. Goethehaus. Mansarden. Nachmittag Liszthaus.

Mittwoch, 3. Juli. Goethehaus. Großherzogliche Bibliothek am Nachmittag. Borkenhäuschen. Shakespeare-Denkmal.

Donnerstag, 4. Juli. Goethehaus. Max fährt nach Jena zu Diederichs. Ich Fürstengruft. Über Goethes Sarg goldner Lorbeerkranz,
gestiftet von den deutschen Frauen Prags 1882. Alle auf dem Friedhof wiedergefunden. Bad. Nachmittag nicht geschlafen.
Treffe Max angekleidet im Bett. Beide unglücklich. Wenn man das Leid aus dem Fenster schütten könnte.

Freitag, 5. Juli. Gehe ins Hotel, sitze ein Weilchen bei Max, der im Bett liegt. Nachmittag Ausflug nach Belvedere.

Samstag, 6. Juli. Zu Johannes Schlaf. Er ist nicht zu Hause. Wir kommen abends wieder. Vorher Spaziergang mit Paul Ernst im Webicht.
Seine Verachtung unserer Zeit, Hauptmanns, Wassermanns, Thomas Manns.