Mai 2024

Neben seinen markantesten Visitenkarten in der Weltliteratur, den Novellen „El Greco malt den Großinquisitor“ (1936) und „Wir sind Utopia“ (1942), setzte der schon zu Lebzeiten mit Millionenauflagen präsente Autor Stefan Andres (1906 Trittenheim/Mosel – 1970 Rom) mit seinem 1953 erschienenen weitgehend biographischen Roman „Der Knabe im Brunnen“ seiner Heimat ein einzigartiges Denkmal. Er bediente sich dabei unter anderem eines literarisierten Moselfränkisch, der Sprache seiner Kindheit, die vor allem die Dialoge wunderbar lebendig werden lässt. Das Foto zeigt den Weinort Trittenheim, gesehen aus der im Textauszug genannten „Höhe“. Foto: Wolfgang Keil. 

Literaturlandschaften e.V.

Nun kamen wir auf die Höhe, wo der Weg aus dem kleinen Tal der Dhron in das große Moseltal hinüberläuft. Ich fühlte, wie mein Blick, der drunten am Bach immer gegen den Berg anstieß, in die Ferne fliegen konnte, weiter und noch weiter.
     „Dat is de Mosel“, sagte mein Vater, und sein langer Finger wies in die Tiefe vor uns.
Was mir bis dahin nur aus den Worten der andern bekannt war, nun sah ich es. Der grünglänzende und gewundene Wasserlauf, das Flusstal, die Weinberge, die blauen Höhe der Eifel – alles war nun zu mir gekommen, so wie ich zu ihm. Während ich schaute, fühlte ich mich angeschaut vom Fluss und von den Bergen. Und mir war, als hätten sie auf mich ebenso gewartet wie ich auf sie. Eine große Freude schaukelte mich, das Schütteln der alten Chaise hatte nun etwas mit dieser Freude zu tun, mit dieser stillen Lust der Augen, so hoch oben im Licht zu fahren.
     „Da“, sagte der Vater, „jetzt siehste den Berg Kron besser. Hier oben hat de Kaiser Konstantin sein Haus gehabt. Hier oben is ihm der Herrgott erschienen un hat ihm gesagt, dat er Christ werden müsst.“
     Ich nickte nur – wer der Kaiser Konstantin war, wusste ich nicht; aber dass ihm der Herrgott hier oben erschienen war, das konnte man diesem Berg über dem Fluss ansehen.  
     „Da unten is Trittenheim“, sagte der Vater und zeigte auf die Häuser hinab, die jenseits der Mosel in der Sonne lagen und mit ihren dunklen Schieferdächern wie ein gewürfeltes Tischtuch aussahen.
     „Un dat Haus mit dem Turm is de Kirch.“
     „Wat is dat – en Turm?“
     „En Turm? – Dat is en Turm, wo die Glocken drin sein un die Uhr. Wart, in Leiwen zeig ich dir en Kirchturm.“
     „Un wat is dat?“ ich zeigte auf die kleinen Bäumchen, die von oben bis unten Blätter hatten und alle an einen Stab
gebunden waren.
     „Dat is en Wingert. An den Weinstöcken wachsen die Trauben, un aus denen macht man den Wein.“

Aus: Stefan Andres, Der Knabe im Brunnen. Roman (1953)