Blick auf Hermann Hesses Geburtsort Calw mit der Stadtkirche im Mittelpunkt. Das mächtige Kirchenschiff ist „in den Berg hineingebaut“, und so befindet sich
der Chor mit dem spitzen Kirchturm erhöht über dem oberen Marktplatz der Stadt. In Hesses Kinder- und Jugendjahren war die Stadtkirche ein ständiger Lebensbegleiter.
In der Erzählung „Kinderseele“ hat Hesse einige Erinnerungen an den markanten Ort im Calwer Stadtbild festgehalten. (Foto: Stadt Calw/Alex Kijak).

 

Literaturlandschaften e.V.

Der Sonntagmorgen war eine gute Sache: Ausschlafen, keine Schule, Aussicht auf ein gutes Mittagessen, kein Geruch nach Lehrer und Tinte, eine Menge freie Zeit. Dies war die Hauptsache. Schwächer nur klangen andere, fremdere, fadere Töne hinein: Kirchgang oder Sonntagsschule, Familienspaziergang, Sorge um die schönen Kleider. Damit wurde der reine, gute, köstliche Geschmack und Duft ein wenig verfälscht und zersetzt …

Beim Frühstück waren wir alle vergnügt. Es wurde mir die Wahl zwischen Kirche und Sonntagschule gelassen. Ich zog, wie immer, die Kirche vor. Dort wurde man wenigstens in Ruhe gelassen und konnte seine Gedanken laufen lassen; auch war der hohe, feierliche Raum mit den bunten Fenstern so schön und ehrwürdig, und wenn man mit eingekniffenen Augen durch das lange dämmernde Schiff gegen die Orgel sah, dann gab es manchmal wundervolle Bilder; die aus dem Finstern ragenden Orgelpfeifen erschienen oft wie eine strahlende Stadt mit hundert Türmen. Auch war es mir oft geglückt, wenn die Kirche nicht voll war, die ganze Stunde ungestört in einem Geschichtenbuch zu lesen.

(Aus: „Kinderseele“, GW 5, Frankfurt am Mai 1970, S. 194 f.)