Dezember 2025

Weimar

So lebendig wie heute ging es vor Goethes Gartenhaus wohl weder im Sommer noch im Winter in den Jahren seiner Anwesenheit zu, wenn auch manche, zumeist höfisch-heitere, Gesellschaft nach der Übersiedlung des Neu-Weimarers im Mai 1776 das in einem „lieben Gärtgen vorm Thore an der Ilm schönen Wiesen im Thale“ einsam gelegene „alte Häusgen“ und seinen Bewohner aufsuchte. Dennoch war es in erster Linie die himmlische Ruhe des nur durch das „Uhr dakken und den Wind und das Wehr von fern“ gestörte Junggesellenleben, was die Entstehung einiger unsterblicher Schöpfungen der deutschen Sprache ermöglichte. Unter ihnen das 1778 entstandene Gedicht „An den Mond“, dessen Zauber noch heute in jeder Vollmondnacht an Ort und Stelle nachempfunden werden kann. „Gibt es einen schöneren Platz auf der Welt als dieses Gartenhaus und seine Umgebung?“, fragt noch 2009 ein gedruckter Weimar-Reiseführer enthusiastisch. Unser Bild zeigt die Wiese vor Goethes Gartenhaus mit einigen Besuchern im – seit 1776 vermutlich seltener gewordenen – Schnee. Foto: Thomas Müller © weimar GmbH. 

Literaturlandschaften e.V.

An den Mond

Füllest wieder Busch und Tal
Still mit Nebelglanz,
Lösest endlich auch einmal
Meine Seele ganz,

Breitest über mein Gefild
Lindernd deinen Blick,
Wie des Freundes Auge mild
Über mein Geschick.

Jeden Nachklang fühlt mein Herz
Froh- und trüber Zeit,
Wandle zwischen Freud und Schmerz
In der Einsamkeit.

 

 

Fließe, fließe, lieber Fluß!
Nimmer werd ich froh,
So verrauschte Scherz und Kuß,
Und die Treue so.

Ich besaß es doch einmal,
Was so köstlich ist!
Daß man doch zu seiner Qual
Nimmer es vergißt!

Rausche, Fluß, das Tal entlang,
Ohne Rast und Ruh,
Rausche, flüstre meinem Sang
Melodien zu,

 

 

Wenn du in der Winternacht
Wütend überschwillst,
Oder um die Frühlingspracht
Junger Knospen quillst.

Selig, wer sich vor der Welt
Ohne Haß verschließt,
Einen Freund am Busen hält
Und mit dem genießt,

Was, von Menschen nicht gewußt
Oder nicht bedacht,
Durch das Labyrinth der Brust
Wandelt in der Nacht.

Johann Wolfgang von Goethe