Am 29. November 1777 brach Johann Wolfgang Goethe alias Johann Wilhelm Weber zu einem abenteuerlichen Winterritt auf, der ihn, in Begleitung des Torfhausförsters Christoph Degen, am 10. Dezember auf den höchsten Gipfel des Harzes, den verschneiten Brocken, führte. Briefe, Tagebuchnotizen sowie seine während der Reise entstandenen Verse in freien Rhythmen, die Ode „Harzreise im Winter“, zeugen von seiner Begeisterung, aber auch von seinem vielfältigen Interesse an allem, was ihm begegnete. Es wurde die leidenschaftlichste seiner drei Brockenbesteigungen – Tgb. 10. December 1777: „1 viertel nach 10 aufgebrochen von da (Anm.: Torfhaus) auf den Brocken. Schnee eine Elle tief, der aber trug. 1 viertel nach eins droben. Heitrer herrlicher Augenblick, die ganze Welt in Wolcken und Nebel und oben alles heiter. Was ist der Mensch dass du sein gedenckst.“

Das Bild zeigt den Blick von der Gipfelkuppe des Brockens über die verschneiten Krüppelfichten der natürlichen Baumgrenze ins nördliche Vorland mit dem dunklen Buchenriegel des Huy-Höhenzuges. Foto: Wolff

 

Literaturlandschaften e.V.

„Sie waren fast zwei Stunden unentwegt durch den Schnee gestapft, mal einsinkend, dann wieder über weite Strecken auf der tragenden Harschkruste, und immer prallte die Sonne hernieder. Sie hielten sich auch jetzt nicht auf.
Der letzte Anstieg wurde mühseliger und gefahrvoller. Verborgene Klüfte zwischen Steinen und Wurzeln ließen den Fuß, das Bein, bis zur Hüfte mitunter, wegrutschen, Äste, in die sie haltsuchend griffen, überschütteten sie mit Lasten von Schnee. Nirgends war hier eine Spur, eine Fährte zu sehen, glitzernd dehnte sich die trügerische Decke.
Zur Höhe hin wurde der Baumwuchs immer verkrüppelter, bizarrer, von Wind und Wetter niedergedrückt. Geduckt, sich krümmend, beladen, vermummt, unkenntlich schlichen die Bäume die Kuppe an, die sie doch nicht erreichten, Gnomengestalten, in der Bewegung erstarrt, erfroren.
So weit das Auge reichte, dehnte sich weiß und milchig und eben, mit Wellen und Untiefen und Inseln, ein ungeheures Wolkenmeer, reichend von Horizont zu Horizont, überspannt von unwirklich tief azurnem Himmel.“

Bernd Wolff, „Winterströme – Goethes erste Harzreise“, 
Pforte-Verlag, S. 281 f.

Über grundlose Wege

Auf öden Gefilden;
Mit dem tausendfarbigen Morgen
Lachst du ins Herz ihm;
Mit dem beizenden Sturm
Trägst du ihn hoch empor;
Winterströme stürzen vom Felsen
In seine Psalmen,
Und Altar des lieblichsten Danks
Wird ihm des gefürchteten Gipfels
Schneebehangener Scheitel,
Den mit Geisterreihen
Kränzten ahnende Völker. 

Goethe, „Harzreise im Winter“ (Auszug)