August 2025
Es ist eher eine Zufallslaune, was die in Wiesbaden zur Kur weilenden Freunde Goethe und Zelter in Begleitung des dort ansässigen Mineralogen Cramer am 15. August 1814 an den Rhein aufbrechen lässt. Dabei geraten die Ausflügler bei Bingen in ein bewegendes regionales Ereignis. Am 16. August, dem Festtag des hl. Rochus, kann nach dem Abzug der Franzosen und dem Wiederaufbau der von ihnen als Festungsanlage missbrauchten Kapelle nach 24 Jahren endlich wieder die traditionelle Wallfahrt der umliegenden Ortschaften stattfinden. Goethe und Zelter schließen sich dem Volksfest mit Interesse an. Unser Bild zeigt die gegenwärtige, dritte Rochuskapelle (1895 neu errichtet nach der Zerstörung jener von Goethe 1814 besuchten und 1889 vom Blitz getroffenen und niedergebrannten zweiten Rochuskapelle). Foto: Stadt Bingen © Torsten Silz.

Literaturlandschaften e.V.
Zu des Rheins gestreckten Hügeln,
Hochgesegneten Gebreiten,
Auen die den Fluß bespiegeln,
Weingeschmückten Landesweiten,
Möget mit Gedankenflügeln,
Ihr den treuen Freund begleiten.
Von Bingen heraufwärts erstreckt sich, nahe am Strom, ein Hügel gegen das obere flache Land. Er läßt sich als Vorgebirg in den alten höheren Wassern denken. An seinem östlichen Ende sieht man eine Kapelle, dem heiligen Rochus gewidmet, welche so eben vom Kriegsverderben wieder hergestellt wird. An einer Seite stehen noch die Rüststangen; dem ohngeachtet aber soll morgen das Fest gefeiert werden. Man glaubte wir seien deshalb hergekommen und verspricht uns viel Freude. (…)
Den steilsten, zickzack über Felsen springenden Stieg erklommen wir mit Hundert und aber Hunderten, langsam, öfters rastend und scherzend. Oben um die Kapelle finden wir Drang und Bewegung. Wir dringen mit hinein. (…)
Die Menge bewegte sich von der Haupttür gegen den Hochaltar, wandte sich dann links, wo sie einer, im Glassarge liegenden Reliquie große Verehrung bezeigte. Man betastete den Kasten, bestrich ihn, segnete sich und verweilte so lange man konnte; aber einer verdängte den andern, und so ward auch ich im Strome vorbei und zur Seitenpforte hinaus geschoben. (…)
Eine große Bewegung aber verkündet: nun komme die Hauptprozession von Bingen herauf. Man eilt den Hügelrücken hin, ihr entgegen. Und nun erstaunt man auf einmal über den schönen herrlich veränderten Landschaftsblick in eine ganz neue Szene. Die Stadt, an sich wohl gebaut und erhalten, Gärten und Baumgruppen um sie her, am Ende eines wichtigen Tales wo die Nahe heraus kommt. Und nun der Rhein, der Mäuseturm, die Ehrenburg! Im Hintergrunde die ernsten und grauen Felswände, in die sich der mächtige Fluß eindrängt und verbirgt. (…)
Die Prozessionen reihten sich, um abzuziehen; die Bidenheimer, als zuletzt angekommen, entfernte sich zuerst. Wir sehnten uns aus dem Wirrwar und zogen deshalb mit der ruhigen und ernsten Binger Prozession hinab. (…)
So wie den ganzen Morgen, also auch auf diesem Rückwege begleitete uns die hohe Sonne, obgleich aufsteigende vorüberziehende Wolken zu einem ersehnten Regen Hoffnung gaben; und wirklich strömte (er) endlich alles erquickend nieder und hielt lange genug an, daß wir auf unserer Rückreise, die ganze Landesstrecke erfrischt fanden. Und so hatte der heilige Rochus, wahrscheinlich auf andere Nothelfer wirkend, seinen Segen auch außer seiner eigentlichen Obliegenheiten reichlich erwiesen.
Auszüge aus: J. W. v. Goethe, Sanct Rochus-Fest zu Bingen. Am 16. August 1814
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