Literaturlandschaften e.V.

Januar 2023

 Nichts aber kann bis heute den – mündlicher Überlieferung entsprungenen – Mythos entzaubern, der junge Wanderer Wilhelm Müller (1794–1827) aus Dessau habe unter dieser Linde sein später zum bekanntesten Lied in Franz Schuberts „Winterreise“-Zyklus gewordenen „Am Brunnen vor dem Tore“ geschrieben. Foto: Stadt Bad-Sooden-Allendorf.

Am Brunnen vor dem Tore
Da steht ein Lindenbaum:
Ich träumt’ in seinem Schatten
So manchen süßen Traum.

Ich schnitt in seine Rinde
So manches liebe Wort;
Es zog in Freud und Leide
Zu ihm mich immer fort.

Ich mußt’ auch heute wandern
Vorbei in tiefer Nacht,
Da hab’ ich noch im Dunkel
Die Augen zugemacht.

Und seine Zweige rauschten,
Als riefen sie mir zu:
Komm her zu mir, Geselle,
Hier findst Du Deine Ruh’!.

Die kalten Winde bliesen
Mir grad’ in’s Angesicht;
Der Hut flog mir vom Kopfe,
Ich wendete mich nicht.

Nun bin ich manche Stunde
Entfernt von jenem Ort,
Und immer hör’ ich’s rauschen:
Du fändest Ruhe dort! 

Wilhelm Müller, 
„Am Brunnen vor dem Tore“, 
1827 von Franz Schubert 
im Zyklus „Winterreise“ vertont.