Juni 2022

Die ersten dreizehn Jahre seines Lebens verbrachte Friedrich von Hardenberg (1772–1801), besser bekannt als Novalis, im elterlichen Schloss in Oberwiederstedt, wo er am 2. Mai zur Welt gekommen war (heute Novalis-Museum, Forschungsstätte der Frühromantik und Sitz der Internationalen Novalis-Gesellschaft). Das Traumbild der Blauen Blume, bis heute symbolischer Leitbegriff der Epoche der Romantik, hat vermutlich in der von Novalis‘ Vater gepflegten Parklandschaft des Schlosses seine ersten Ursprünge und dürfte von hier aus auch in den Roman „Heinrich von Ofterdingen“ eingeflossen sein. Foto: Dr. Gunhild Schöler 

Literaturlandschaften e.V.

Die Eltern lagen schon und schliefen, die Wanduhr schlug ihren einförmigen Takt, vor den klappernden Fenstern sauste der Wind; abwechselnd wurde die Stube hell von dem Schimmer des Mondes.
Der Jüngling lag unruhig auf seinem Lager, und gedachte des Fremden und seiner Erzählungen. Nicht die Schätze sind es, die ein so unaussprechliches Verlangen in mir geweckt haben, sagte er zu sich selbst; fern ab liegt mir alle Habsucht: aber die blaue Blume sehn‘ ich mich zu erblicken. Sie liegt mir unaufhörlich im Sinn, und ich kann nichts anders dichten und denken. So ist mir noch nie zu Muthe gewesen: es ist, als hätt‘ ich vorhin geträumt, oder ich wäre in eine andere Welt hinübergeschlummert … Es ist mir oft so entzückend wohl, und nur dann, wenn ich die Blume nicht recht gegenwärtig habe, befällt mich so ein tiefes, inniges Treiben: das kann und wird keiner verstehn. 
(Novalis, Heinrich von Ofterdingen, Erster Teil, Erstes Kapitel, Die Erwartung)

Die Gewächse sind so die unmittelbarste Sprache des Bodens; Jedes neue Blatt, jede sonderbare Blume ist irgend ein Geheimniß, was sich hervordrängt und das, weil es sich vor Liebe und Lust nicht bewegen und nicht zu Worten kommen kann, eine stumme, ruhige Pflanze wird. Findet man in der Einsamkeit eine solche Blume, ist es da nicht, als wäre alles umher verklärt und hielten sich die kleinen befiederten Töne am liebsten in ihrer Nähe auf? Man möchte für Freuden weinen, und abgesondert von der Welt nur seine Hände und Füße in die Erde stecken, um Wurzeln zu treiben und nie diese glückliche Nachbarschaft zu verlassen. Über die ganze trockne Welt ist dieser grüne, geheimnißvolle Teppich der Liebe gezogen. Mit jedem Frühjahr wird er erneuert und seine seltsame Schrift ist nur dem Geliebten lesbar wie der Blumenstraus des Orients.
(Novalis, Heinrich von Ofterdingen, Zweiter Teil, Die Vollendung)