April 2022

Literaturlandschaften e.V.

Jena

„Jena vor uns im lieblichen Tale“
schrieb meine Mutter von einer Tour
auf einer Karte vom Ufer der Saale,
sie war in Kösen im Sommer zur Kur;
nun längst vergessen, erloschen die Ahne,
selbst ihre Handschrift, Graphologie,
Jahre des Werdens, Jahre der Wahne,
nur diese Worte vergesse ich nie.

Gottfried Benn „Jena“ 
(1. Strophe, Sämtliche Gedichte.
Klett-Cotta, Stuttgart 1998)

Dass ihre „Karte vom Ufer der Saale“ an den Sohn Gottfried ein so unsterbliches lyrisches Denkmal auslösen würde, hätte sich Caroline Benn (1858-1912), die Frau des Pastors Gustav Benn (1857-1939), bei ihrem Aufenthalt in Thüringen sicher nicht träumen lassen. Heute gehört das scheinbar so sprachlich unbeschwert daherkommende Gedicht Gottfried Benns zu den berühmtesten Visitenkarten der an bedeutenden literarischen Zeugnissen keineswegs armen Stadt Jena. Unser Bild zeigt neben dem „Ufer der Saale“ in der Ferne den markanten Jenzig, auch Hausberg Jenas genannt. Foto: Conny Sandvoß