Februar 2023

Es war der ehemalige Kommilitone Johann Wolfgang Goethe, der die Lebensgeschichte des Freundes Johann Heinrich Jung aus der Straßburger Studentenclique und inzwischen in Elberfeld ansässigen Arztes unter dem Titel „Henrich Stillings Jugend“ 1777 heimlich zum Druck beförderte. Mit den späteren Fortsetzungsbänden „Jünglingsjahre“ und „Wanderschaft“ begeisterte sie als Bestseller über Generationen bis ins 20. Jahrhundert. Jung-Stilling (nach den „Stillen im Lande“) gelangte als Schriftsteller, legendärer Augenoperateur und später Professor für Kameralwissenschaften zu großem Ruhm. Ein Schauplatz seiner „Jugend“ ist die – heute restaurierte – Ruine der Ginsburg bei Hilchenbach im Siegerland. Auf dem Foto die Ginsburg mit dem in den 1960er Jahren wieder aufgebauten und heute vielfach genutzten Turm. Foto: Klaus-Peter Kappest

Literaturlandschaften e.V.

Beinahe anderthalb Jahre war Henrich Stilling alt, als Dortchen an einem Sonntagnachmittag ihren Mann ersuchte, mit ihr nach dem Geißenberger Schlosse zu spazieren. Noch niemalen hatte ihr Wilhelm etwas abgeschlagen. Er ging mit ihr. Sobald sie in den Wald kamen, schlungen sie sich in ihre Arme und ging Schritt vor Schritt unter dem Schatten der Bäume und dem vielfältigen Zwitschern der Vögel den Berg hinauf. 

Indem sie so redeten, kamen sie zu den Ruinen des Schlosses auf die Seite des Berges und empfanden die kühle Luft vom Rhein her und sahen, wie sie mit den langen, dürren Grashalmen und Efeublättern an den zerfallenen Mauern spielte und darumpfiff. „Hier ist recht mein Ort“, sagte Dortchen, „hier müßte ich wohnen. Erzähle mir doch noch einmal die Geschichte vom Johann Hübner, der hier auf dem Schlosse gewohnt hat. Laß uns aber hier auf dem Wall gegen die Mauern über sitzen. Ich dürfte um die Welt nicht zwischen den Mauern sein, wenn du das erzählst, denn ich graue immer, wenn ich’s höre.“ 

(Aus: „Henrich Stillings Jugend“. Schilderung eines Spaziergangs des kleinen Henrich mit den Eltern Wilhelm und Dortchen zur Ruine der Ginsburg; im Roman das „Geißenberger Schloss“)