August 2022

Noch kurz vor dem Ende des Zweiten Weltkrieges holte ihn amerikanischer Artilleriebeschuss von seinem buchstäblich „hohen Ross“ herunter, den 1897 am Deutschen Eck in Koblenz zu gigantischen Denkmalsehren gekommenen Kaiser Wilhelm I. Erst 1993 konnte er nach vielen Auseinandersetzungen sein Ross auf dem Denkmalsockel erneut besteigen. Koblenz-Touristen aus aller Welt wissen es fotografisch zu schätzen. Vermutlich wird auch die Literaturgeschichte künftiger Generationen dem wieder ins „Wächteramt“ über Rhein und Mosel gesetzten Kaiser immer wieder einmal ihre Aufmerksamkeit schenken, so wie es der Moselreisende Kurt Tucholsky 1930 tat. Foto: Markus Königshoven

Literaturlandschaften e.V.

 „Wir spaziertan also am Rhein entlang … Wir gingen auf der breiten, baumbestandenen Allee; vorn an der Ecke war eine Fotografenbude, sie hatten Bilder ausgestelt, dann standen da keine Bäume mehr, ein freier Platz, ich sah hoch … und fiel beinah um.
 

Da stand – Tschingbumm! – ein riesiges Denkmal Kaiser Wilhelms des Ersten: ein Faustschlag aus Stein. Zunächst blieb einem der Atem weg. Sah man näher hin, so entdeckte man, dass es ein herrliches, ein wilhelminisches, ein künstlerisches Kunstwerk war. … Zunächst ist an diesem Monstrum kein leerer Fleck zu entdecken. Es hat die Ornamenten-Masern.

Oben jener, auf einem Pferd, was: Pferd! auf einem Roß, was: Roß! auf einem riesigen Gefechtshengst wie aus einer Wagneroper, hoihotoho! Der alte Herr sitzt da und tut etwas, was er all seine Lebtage nicht getan hat: er dräut in die Lande, das Pferd dräut auch, und wenn ich mich recht erinnere, wallt irgendeine Frauensperson um ihn herum und beut ihm etwas dar. Aber da kann mich meine Erinnerung täuschen … vielleicht gibt sie dem Riesen-Pferdchen nur ein Zuckerchen. Und Ornamente und sich bäumende Reptile und gewürgte Schlangen und Adler und Wappen und Schnörkel und erbrochene Lilien und was weiß ich … es war ganz großartig. Ich schwieg erschüttert.“ (Kurt Tucholsky, Denkmal am Deutschen Eck, „Die Weltbühne“, Januar 1930)